„The era of privacy is over“, tönt der junge Mann mit dem rötlichen Lockenkopf und dem jungenhaften Auftreten in die Kamera. Es ist kein Geringerer als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der in einem, obwohl erst wenige Wochen alt, schon fast legendären Interview mit dem IT- und New-Media-Blog TechChrunch die Datenschützer aller Länder nachhaltig aufrührt. So ist denn auch auf der CeBIT 2010 das Thema „Privatsphäre“ einer der zentralen Inhalte im Rahmen des Mottos „Connected Worlds“. Nur – reden wir noch von klaren Inhalten, von gleichen Werten, wenn wir das Buzzword „Privacy“ strapazieren?
Was meint „Privatsphäre“? Wozu dient sie und wem nützt sie? Was befördert und was hindert sie? Indem ein jeder sie einfordert, scheint sie uns Stück um Stück unschärfer, schemenhafter, konturloser. Streiten wir inzwischen „um des Kaisers Bart“? Könnte die weltumspannende Diskussion um die Privatsphäre ihr am Ende gar selbst den Garaus machen?
Die Furcht ist nicht unbegründet: Indem wir etwas zerreden, bis keiner mehr weiß, was es eigentlich ist und wozu es dient, zerstören wir es weit elementarer als jedes Netzwerk, jeder Datenskandal und jede teuer bezahlte Steuer-CD aus alpenländischen Gefilden es jemals vermochte.
Privacy – ein Ammenmärchen?
Lippenbekenntnisse und Schaumschlägereien von Politik, Wirtschaft und Juristerei haben ohne Zweifel nicht den Zweck, zu retten, was man nicht mehr retten kann und was irgendwie auch niemand wirklich retten will. Was Privatsphäre heute wert ist, spürt in Deutschland jeder Mensch mit Migrationshintergrund und Wohnort Hamburg-Wilhelmsburg, der einfach mal bei einem der großen Versandhändler einen DVD-Player bestellen will und am Ende nur per Vorkasse zahlen kann. Das Grundrecht auf Privatsphäre erlebt ein jeder, der nach Antrag auf eine Lebensversicherung bei Beantwortung der Gesundheitsfragen einräumt, er sei schon mal wegen Herz-Kreislauf-Beschwerden in stationärer Behandlung gewesen und dem anschließend bei dem mit der Versicherung befreundeten Kreditinstitut der Antrag auf Baufinanzierung verwehrt wird.
Moderne Privacy live findet täglich statt, wenn Personalleiter und Headhunter auf Google, facebook, YouTube und Co. nach peinlichen Details aus dem Vorleben ihrer Bewerber forschen, wenn Hausfrau Elfriede und Hausfrau Kunigunde am Gartenzaun über die neu zugezogene Familie tuscheln. Wenn unsere Gepäckstücke und wir selbst am Gateway bis auf die Haut durchleuchtet werden, um auch das letzte Flacon vermeintlichen Sprengstoffs zu erhaschen. Und wer wirklich wissen möchte, was Privacy vermag, dem empfehle ich einen kritischen Blick in seine aktuellen Schufa-Einträge.
Institutionalisierte Geheimniskrämerei -- Feigenblatt für unsere verlorene Unschuld?
Den Wert der Privatsphäre zerstören nicht die neuen Medien, nicht die weltweiten Datennetze und nicht die Werkzeuge einer globalisierten Kommunikation. Sie lebt oder stirbt in unseren Herzen, unseren Meinungen und unserem eigenen Verhalten. Niemand anders ist schuld, wenn man überhaupt von Schuld sprechen kann, als wir alle gemeinsam – denn diese Kultur des Unprivaten hat eine weitaus längere Tradition als das vermeintliche Menschenrecht der Privatsphäre. In unseren Zeiten kann die schonungslose Öffentlichkeit nur ein wenig ausgiebiger gelebt werden als im antiken Rom, im Mittelalter oder im Feudalismus.
Und der Datenschutz? Heute nicht mehr denn institutionalisierte Geheimniskrämerei und Feigenblatt einer mächtigen, entrückten Bürgerkaste, die uns glauben machen will, wir hätten ein Recht auf etwas Individualität. Am Ende werden furiose Schattenkriege gegen Call-Center gefochten, die sich erdreisten, die Kunden ihrer Kunden einfach so anzurufen und gegen Website-Betreiber, die Adressen mit Gewinnspielen sammeln – derweil der Chaos Computer Club all den „Sachverstand“ in den Behörden gebührend beschmunzelt. Privatsphäre hin oder her: Den Kampf gegen diese Windmühlen wird kein Gesetzgeber und kein Datenwächter dieser Welt jemals mehr gewinnen können. Darum: Leben wir die Öffentlichkeit mit Ehrlichkeit, Besonnenheit und eigener Vorsicht. Sie umgibt uns sowieso.
Goodbye Privacy – warst Du jemals da, oder nur ein seichter Traum? Eine Frage, mit der der Kreis sich schließt – und es sich lohnt, das Interview mit Mark Zuckerberg noch einmal in tiefen Zügen zu genießen:
Und was denkt TechChrunch Anchorman Michael Arrington? Here we go:
http://techcrunch.com/2010/01/12/ok-you-luddites-time-to-chill-on-facebook-over-privacy/
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